Hongkong – die Stadt der Gegensätze

Am vierten Juli landeten wir aus Taiwan kommend in Hongkong. Hier bestand unsere wichtigste Mission darin, so schnell wie möglich an ein Visum für China zu kommen, da wir vier Tage später schon nach Peking reisen wollten. Direkt am Flughafen fanden wir zum Glück eine kleine Agentur mit einer fröhlichen und motivierten Mitarbeiterin, die uns total unkompliziert bis zum nächsten Werktag ein Visum ausstellen ließ (was sie sich natürlich gut bezahlen ließ..). Eine Sorge leichter machten wir uns auf dem Weg zu unserer Wohnung im Stadtteil Tai Hang auf der Hong Kong Island, und schon auf dem Weg dorthin fiel uns der krasse Gegensatz zwischen hochmodernen Wolkenkratzern und heruntergekommenen, verfallenden Hochhäusern auf, die direkt nebeneinander standen. Zum Glück hatten wir bewusst etwas mehr als sonst in unsere Unterkunft investiert und wurden daher auch nicht enttäuscht. Für Hongkonger Verhältnisse war die Wohnung sehr geräumig (ca. 30 m²), und aus dem 32. Stock hatte man einen tollen Ausblick auf die weiteren Wolkenkratzer um sich herum. Nur nach unten schauen sollte man nicht! Die kleine Küche hatte den Vorteil, dass wir uns größtenteils selbst versorgen konnten, und wir genossen es sehr, mal wieder ein gesundes Frühstück vorzubereiten, anstatt weißen Toast mit Nescafé oder Reisgerichte zu essen, oder abends frisch zu kochen. Trotzdem ließen wir uns natürlich einige Köstlichkeiten nicht entgehen. Unsere inzwischen lieb gewonnenen Dumplings fanden wir hier überall an kleinen und verhältnismäßig günstigen Buden, und wir entdeckten auch die Teegetränke für uns, die es in allen möglichen leckeren Varianten an jeder Straßenecke zu kaufen gab. Wer hätte gedacht, dass Grüntee mit Grapefruit oder Schwarztee mit Vanillepudding so gut sein kann, dass man sich auch mal 15 Minuten in eine Schlange stellt!

Stichwort Schlange: Überflüssig zu sagen, dass man in Hongkong immer und überall in einer unfassbar riesigen Menschentraube steht oder läuft! Wer Platzangst hat oder sich in der Gesellschaft Anderer unwohl fühlt, der hat in Hongkong seine persönliche Hölle gefunden. Es war für uns faszinierend zu sehen, wie viele Menschen alleine in den U-Bahnen transportiert werden, die im 30-Sekunden-Takt fahren und jedes Mal voll sind! Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, ein ruhiges Fleckchen Erde zu finden: begib dich irgendwohin, wo du nur mit körperlichem Einsatz hinkommst. So wuselig und neugierig die Asiaten auch sind – die meisten von ihnen sind unglaublich unsportlich. Als wir von Hektik, Möderverkehr, Menschenmengen und blinkenden Lichtermeeren gepaart mit drückender Hitze und Abgasen genug hatten, fuhren wir daher nach Lantau Island, die benachbarte Halbinsel von Hongkong, auf der sich auch der Flughafen befindet. Von dort fuhren wir nach erstaunlich kurzer Anstehzeit mit der berühmten Gondelbahn Ngong Ping hinauf in den gleichnamigen Ort. Auch die Gondelfahrt war wieder nichts für schwache Nerven! In großer Höhe pendelt man über Seen und Berge mit teilweise steilen Auf- und Abfahrten. Manchmal hilft nur Gottvertrauen 😉 Oben gab es erst einmal die gewohnte Ration Touristenattraktion, ein Dorf mit vielen Restaurants und Souvenirshops, und kurz danach eine riesige Buddha-Statue, zu welcher man viele Stufen heraufklettern musste. Diese Anstrengung nahmen die meisten für ein Foto noch auf sich, doch alles, was danach kam, war vergleichsweise leergefegt. Wir wanderten den sich anschließenden Wisdom Path fast alleine, und die Holzstämme, die am Ende kunstvoll auf einem Hügel mit chinesischen Weisheiten verziert aufgestellt waren, genossen wir nach weiteren Stufen ohne eine weitere Menschenseele. Der Blick in die grünen Hügel mit den aufziehenden Nebelschwaden hatte etwas sehr Beruhigendes, und wir saßen dort oben lange und sogen die Magie des Ortes auf. Es war ein schöner Ausflug!

Am nächsten Tag stürzten wir uns noch einmal in das geordnete Chaos der Wahnsinnsstadt. Denn eines muss man sagen – trotz der unglaublichen Menschenmassen und des durchgehend dröhnenden Verkehrs, läuft Alles geregelt und kontrolliert ab. Die Menschen stehen brav in ihren Schlangen und warten, bis sie an der Reihe sind. Es gibt kein Gedränge oder Geschubse, man hat nie das Gefühl von Unsicherheit. Das hat uns im Angesicht dieser gigantischen Ausmaße der Stadt sehr beeindruckt. Auch Unfreundlichkeit oder Gereiztheit begegnet einem so gut wie nie. Im Gegenteil, die Menschen verstecken sich in jeder freien Sekunde hinter ihren Handys, spielen Spiele, klicken sich durch Fotos oder chatten. Manchmal wirken sie fast wie Zombies, wie sie – auf den Bildschirm starrend – mit gläsernem Blick und lethargischem Gesichtsausdruck hinter dicken Brillengläsern durch die Gegend stolpern. Aber liebenswert sind sie alle, sehr höflich und hilfsbereit, sobald man es geschafft hat, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Daher hatten wir auch keine Bedenken, uns in die heruntergekommenen Viertel der Stadt zu wagen, um uns dort auf die Suche der sogenannten Coffin Cages zu machen, von welchen wir vorher viel gelesen haben: Lebensraum für die Ärmsten der Armen, Gitterkäfige, in welchen die Bewohner unter den schlimmsten und dreckigsten Bedingungen leben. Da sie illegal betrieben werden, sind sie jedoch von außen nicht erkennbar, so dass wir nur erahnen konnten, hinter welchen Fassaden sie sich verbergen. Doch auch von außen wirkten viele Häuser schon so schlimm, dass es schwer zu verkraften war, und die teuren und neuen Wolkenkratzer im Hintergrund machten es nicht besser. In diesen Vierteln, welche sich direkt in den Seitenstraßen der Haupteinkaufsstraße mit ihren noblen Markengeschäften befanden, vermischten sich die eilenden, adrett gekleideten Geschäftsleute mit den langsam und gebeugt schlappenden, dreckigen Bewohnern der versifften Gebäude nebenan. Wir saßen länger auf einer Mauer und beobachteten das Treiben, was schwer nachdenklich machte. Danach gönnten wir uns eingezwängt zwischen Pappkartons eine Dumpling-Suppe in einem 2-qm-Laden, der wahrscheinlich noch nie deutsche Touristen zu Besuch hatte. Aber wie immer: herzlich aufgenommen, lecker und günstig gegessen!

Abends gaben wir uns noch einmal Kontrastprogramm an der „Avenue of Stars“, von der aus man einen guten Blick auf die imposante Skyline von Hong Kong Island hat, wo täglich um 20 Uhr eine Lasershow stattfindet. Natürlich drängten sich auch hier wieder tausende von Menschen, doch der Blick war es wert, auch wenn uns nach Singapur keine Lasershow mehr so richtig beeindrucken kann. 🙂

Und schon sind die vier Tage vorbei, und weiter geht es mit dem Nachtzug Richtung Peking. Wir berichten bald! Lasst´s euch gut gehen!

Blick aus unserem Wohnzimmer im 32. Stock
Modern vs alt
Hotelzimmer gefällig?
Tian Tan „Big“ Buddha
Chinesische Weisheiten am Ende des Wisdom Path
Blick auf die Skyline von Hongkong Island

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Kerstin
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Kerstin

Endlich wieder Lasershow! 😀