Lhasa, eine magische Stadt!

Nun war es soweit: Wir traten unsere Reise nach Tibet an! Am Bahnhof in Xining bot sich wieder das übliche Spektakel, das heißt lange Schlangen, Gedränge und überfüllte Wartehallen. Da wir für diese Fahrt nur noch Tickets für die Kategorie Hardsleeper bekommen hatten, teilten wir uns das Abteil mit vier weiteren Fahrgästen und quetschten uns in die engen Pritschen, die wirklich nur zum Liegen geeignet waren. Was uns auf unseren ersten Fahrten noch steinhart vorkam, empfanden wir nun als himmlisch weich im Vergleich zu den Brettern, auf denen wir in den letzten beiden Wohnungen geschlafen hatten. Auch sonst war die Zugfahrt angenehmer als befürchtet. Es war spannend, das geschäftige Treiben in den Abteilen und auf dem Gang zu beobachten, und die Umgebung wurde von Stunde zu Stunde schöner. Die Hochhäuser verschwanden und wir fuhren durch weite hügelige Graslandschaften und bekamen die ersten schneebedeckten Berge in der Ferne zu Gesicht. Ab Golmud wurde die Sauerstoffzufuhr im Zug angeschaltet, da wir permanent auf Höhen über 4000 Meter fuhren – die höchste Eisenbahnstrecke der Welt!

Im herrlich kühlen Lhasa angekommen, wurden wir nach diversen strengen Kontrollen direkt von unserem Guide in Empfang genommen. Ohne voll organisierte und betreute Tour darf sich in Tibet nämlich kein ausländischer Tourist fortbewegen. Für  die chinesischen Landsleute gilt das allerdings nicht, sie dürfen sich frei bewegen und kommen mit ihrer ID-Karte problemlos überall hin, sogar mit dem eigenen Auto. Wir fühlten uns etwas diskriminiert… Andererseits waren wir auch froh, in dieser sehr fremden Umgebung an die Hand genommen zu werden. Wir wurden zu unserem Hotel gefahren, und schon auf der Fahrt wurde klar, dass wir in einer komplett anderen Welt gelandet waren. Sowohl die Architektur der Häuser als auch das Aussehen der Menschen unterschieden sich drastisch von allem, was wir bisher gesehen hatten. Die Häuser waren weiß getüncht, mit kunstvoll verzierten Fensterrahmen und hübsch geschmückten Balkonen. Überall hingen bunte Fahnen, und hunderte von kleinen Läden überboten sich mit lauten Darbietungen ihrer Ware. Eine wahre Reizüberflutung. Auch die Kleidung der Tibeter war alles andere als trist: die langen traditionellen Gewänder waren farbenfroh, und die Frauen schmückten sich zusätzlich mit vielen Accessoires wie Spitzenhandschuhen, Stolas, bunten eingeflochtenen Zöpfen und Schmuck. Die Meisten hatten Gebetsketten in der Hand und gerade ältere Leute  drehten unermüdlich ihre kleinen Hand-Gebetsmühlen und murmelten oder sangen dabei vor sich hin. Wir waren gespannt darauf, mehr darüber zu erfahren, fielen am ersten Abend aber früh ins Bett, da der nächste Tag früh beginnen sollte.

Am nächsten Morgen lernten wir die anderen Mitglieder unserer Gruppe kennen, zwei Pärchen und zwei allein reisende Männer, die allesamt einen sympathischen Eindruck machten. Auf dem Weg zu unserem ersten Programmpunkt, einem buddhistischen Tempel, liefen wir durch Lhasas Altstadt, die übrigens schwer bewacht und deren Ein- und Ausgänge durch Pass- und Gepäckkontrolle gesichert waren. Unser Guide gab uns erstmal einige Verhaltensregeln an die Hand, z.B. keine Fotos mit Polizei oder Militär schießen, die Altstadt nur im Uhrzeigersinn durchlaufen, und keine Sehenswürdigkeit auf eigene Faust besichtigen. Wir bestaunten ehrfürchtig die wunderschönen alten Häuser und das geschäftige Treiben, beobachteten die vielen Gläubigen, die vor den Tempeln ihre Betrituale durchführten und an den Gebetsmühlen drehten, und kamen aus dem Fotografieren gar nicht mehr heraus. Lhasas Altstadt ist wirklich wunderschön! Bald kamen wir auch schon an unserem ersten Programmpunkt an, dem Jokhang Tempel. Er ist der heiligste buddhistische Tempel im Himalaya Gebiet, 1400 Jahre alt, und das Ziel von tausenden buddhistischen Pilgern pro Tag! Wir bewunderten die tibetische Architektur und die Atmosphäre dieses besonderen Platzes. Zwischendrin lernten wir die Teilnehmer der Gruppe etwas besser kennen, und besonders zu einem Mann aus Singapur hatten wir gleich einen guten Draht. Er beschäftigt sich seit zwei Jahren intensiv mit dem Buddhismus und beeindruckte uns mit seiner besonderen Freundlichkeit und dem Respekt, mit dem er anderen begegnete. Hiervon wollten wir uns gerne inspirieren lassen! Nach dem Mittagessen ging es weiter zum Sera Kloster, in dessen Innenhof wir die jungen Mönche bei einem ihrer täglichen Lernrituale beobachten konnten: in Zweiergruppen saß einer der beiden auf dem Boden und musste die Fragen des anderen beantworten, welcher vor ihm stand und mit viel Körpereinsatz, Geklatsche und lauten Rufen das Gelernte abfragte. Auch der Sitzende antwortete nicht einfach, nein er schrie die Antwort heraus, so dass der Lärmpegel im Hof sehr hoch war. Aber alle hatten offensichtlich Spaß an diesem spielerischen Lernen, und wir waren begeistert davon, welche Disziplin und Ausdauer die Jungs an den Tag legten. Nach dieser Zeremonie war für uns Feierabend, und wir kehrten voller neuer Eindrücke ins Hotel zurück.

Der nächste Tag startete früh, und wir fuhren zu der Attraktion Lhasas schlechthin – dem Potala Palace. Er ist das Wahrzeichen Lhasas und erhebt sich majestätisch auf dem „Roten Berg“, 130 Meter über der Stadt. Unser Guide trieb uns eilig zum Eingang, denn jede Gruppe erhält nur ein bestimmtes Zeitfenster, innerhalb dessen alle Teilnehmer hinein dürfen. Die Innenräume muss man in 50 Minuten besichtigt haben, sonst bezahlt man eine Strafe. Es war jedoch genug Zeit, um sich mit offenen Mündern den unglaublichen Prunk anzuschauen, der die Gräber der acht Dalai Lamas schmückte. Neben den Grabanlagen gab es kleine Kapellen und große Meditationshallen zu besichtigen, die nur wenig bescheidener geschmückt waren. Überall steckten die Gläubigen Geldscheine hinein; die Behälter vor den Statuen waren randvoll, und in jeder Ritze steckten die Noten. Die Mönche kamen kaum hinterher mit dem Einsammeln des Geldes, und so langsam bekamen wir einen Eindruck davon, wie viel Geld hier jeden Tag floss. Die oberen privaten Gemächer des Dalai Lamas waren natürlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich, und so reichten die 50 Minuten, um sich einen ersten Eindruck von dem Palast der 1000 Zimmer zu machen. Danach waren wir mal wieder randvoll mit neuen Eindrücken, geplättet von der unglaublichen Geschichte, der Schönheit, und nicht zuletzt von dem riesigen Reichtum, den diese Anlage mit sich brachte. Natürlich konnte der Ramoche Tempel, der im Anschluss auf dem Programm stand, nach diesem gewaltigen Bauwerk nicht mehr so ganz mithalten, zumal wir nun erstmal genug Buddha-Statuen gesehen hatten. Dennoch war es interessant, die Mönche bei der Arbeit zu beobachten (d.h. Geld zählen – nein, nur Spaß!). Nach der letzten Besichtigung ging es bald zurück ins Hotel, um uns für die Abreise aus Lhasa vorzubereiten, die am nächsten Tag anstand. Wir freuten uns darauf, mehr von Tibets faszinierender Landschaft zu sehen. Und uns stand wirklich Beeindruckendes bevor – mehr im nächsten Beitrag!

Im Lhasa-Express
Wo sind die Hochhäuser hin?
In Lhasas Altstadt
Beten vor dem Jokhang Tempel
Der Gang um die Gebetsmühlen
Potala Palace, der Palast der 1000 Zimmer
Lernzeremonie junger Mönche
Ausblick vom Ramoche Tempel

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