Auf dem Weg zur großen Schlucht

Nach drei Tagen Großstadtlärm und Verkehrschaos in Los Angeles freuten wir uns wieder auf etwas mehr Naturnähe. Und wir sollten sie bekommen: Kaum hatten wir die Tore der Stadt hinter uns gelassen, fuhren wir durch wüstenähnliche Einöde, um uns herum fast nichts außer trockener roter Erde, Felsen und Kakteen. Da es ewig gedauert hatte, sich durch den Wahnsinnsverkehr von Los Angeles zu kämpfen, war es bereits dunkel, als wir an unserem ausgesuchten Campingplatz ankamen (den ich hauptsächlich wegen des Namens gewählt hatte – Owl Canyon Campground). Eulen bekamen wir keine zu Gesicht, dafür einen ausgewachsenen Sturm, der uns zu einer unruhigen Nacht in der Wildnis verdonnerte. Im Morgenlicht des nächsten Tages bestaunten wir erst einmal die Landschaft, in der wir uns befanden. Krasser hätte der Gegensatz zur Großstadt nicht sein können!

Dezente Kakteen im Owl Canyon

Viel Zeit für Akklimatisierung blieb mal wieder nicht, denn wir hatten uns für diesen Tag ein großes Arsenal an Pflichterledigungen vorgenommen: Ein Ölwechsel stand an, Einkäufe und Wäsche, sowie ein Smog-Test, dessen erfolgreiche Prüfung Pflicht für den Weiterverkauf unseres Autos war. Als wir nachmittags schon ziemlich erledigt bei der Werkstatt ankamen, die diesen Test durchführte, wurden wir sofort von Inhaber Amin, einem sehr geschäftstüchtigen Ägypter, in dessen Fänge genommen. Ohne jegliche Scheu offenbarte er seine nicht immer politisch korrekten Ansichten über den Rest der Welt, prahlte mit zweifelhaften Auszeichnungen seiner Werkstatt und gab uns eine ganze Latte an gut(gemeint)en Tipps für den Weiterverkauf des Autos, während sein nerdiger stummer Mitarbeiter den eigentlichen Test am Auto durchführte, der Gott sei Dank bestanden wurde. Nach dieser unterhaltsamen Show fuhren wir gutgelaunt entlang der ehemaligen Route 66 Richtung Sedona. Die Wüstenstadt mit ihrer Umgebung wurde uns nämlich nun schon öfters nahegelegt, und da sie sowieso auf unserem Weg zum Grand Canyon lag, wurde sie unser nächstes Zwischenziel. Die Nacht davor verbrachten wir wieder in wüstengleicher Umgebung mitten im einsamen Nirgendwo mit grandiosem Blick auf karge Felslandschaften. Nur mit dem geliebten Lagerfeuer wurde es wieder nichts, da immernoch ein strenger Wind blies..

Auf der Fahrt nach Sedona fiel uns ein Schild am Straßenrand auf, das für einen gigantischen Einschlagskrater eines Meteoriten warb, der sich in der Nähe befinden sollte. Spontan entschlossen wir uns dazu, diesen als weiteres Zwischenziel zum Grand Canyon einzuschieben, und fuhren an Sedona vorbei weiter zum „Meteor Crater“, vor dessen Toren sich praktischerweise ein komfortabler Campingplatz befand. Wir genossen den unglaublichen Luxus von echten Badezimmern mit Duschen und Spültoiletten. Da Feuerverbot bestand, hatten wir abends genug Zeit, um uns durch die Nachrichten zu scrollen. Und da traf es uns wie ein Schlag – wir lasen die sich überschlagenden Meldungen der gigantischen Feuersbrunst, die sich gerade vor den Toren von Los Angeles ausbreitete. Entsetzt verfolgten wir bis spät in die Nacht die Livestreams und sahen dort Häuser in Flammen aufgehen, an denen wir wenige Tage vorher noch im Nebel vorbeigefahren waren, nicht ahnend, dass es sich schon um den Rauchdunst des herannahenden Feuers handelte. Längst war nun die Straße für Häuserevakuierungen gesperrt, die wir ahnungslos befahren hatten, und rechts und links davon brannte es lichterloh. Ganze Ortschaften in der Umgebung waren bereits bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Angefacht durch den heftigen Wind der letzten Tage breitete sich das Woolsey-Fire unkontrolliert aus, und viele konnten nur hilflos zusehen, wie ihr Hab und Gut den Flammen zum Opfer fiel. Zum Glück gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine Toten zu beklagen, doch der Schrecken um diese fürchterliche Naturkatastrophe und die Machtlosigkeit, mit der man zusehen musste, waren nur schwer zu ertragen.

Am nächsten Tag konzentrierten wir uns erst einmal auf die Folgen des Meteoriteneinschlags vor 50 Millionen Jahren, die an diesem Ort mitten im Nirgendwo zu bewundern waren. Im Besucherzentrum schauten wir uns einige angestaubte Filme zum Thema Gefahren aus dem All an, die leider in keinster Weise qualitativ vergleichbar zu denjenigen des Griffith Observatory waren, aber der Krater selbst machte das wieder wett. Auf einmal standen wir vor einem Loch in der Erde, das über einen Kilometer Durchmesser und eine Tiefe von fast 200 Meter aufwies, erzeugt von einem Einschlag eines nur 45 Meter breiten Meteoriten. Wir stellten uns die Wucht des Aufpralls und dessen Auswirkungen vor und waren einmal mehr starr vor Ehrfurcht vor der allgegenwärtigen Gefahr der Naturkatastrophen.

Meteor-Crater

Nach dem Meteor Crater (im Deutschen übrigens Bollinger-Krater genannt) ging es jetzt aber wirklich nach Sedona. Wir hatten uns dafür eine entspannte Route mit einigen landschaftlich schönen Anhaltspunkten geplant und waren angesichts der vielen Campingplätze in der Nähe sorglos darüber, wo wir die Nacht verbringen würden. Aus der geplanten halben Stunde Anfahrt wurde letztendlich aber eine Odyssee, denn die ausgewählte Strecke war bummvoll. Tausende Autos schlängelten sich die anspruchsvollen Straßen entlang, Aussichtspunkte waren gesperrt oder voll, Campingplätze bereits geschlossen oder ebenfalls voll. Frustriert und gestresst fuhren wir immer weiter auf der Suche nach einem Schlafplatz und konnten die schöne Umgebung mit ihren vielen Schluchten und Bergen aus roten Gesteinsschichten nur wenig genießen. Sedona selbst war ebenfalls ein reines Verkehrschaos, und wir staunten nicht schlecht, wie viele Autos sich in diese kleine Wüstenstadt hereinschoben und fragten uns, was zum Teufel sie da alle wollten! So langsam machten wir uns echte Sorgen darüber, wie es wohl im Grand Canyon werden würde, wenn schon diese deutlich unbekanntere Region so hoffnungslos überfüllt war. Kurz vor Sonnenuntergang fanden wir abseits der Hauptstraße doch noch einen erstaunlich schönen Stellplatz in der Natur, von dem man einen tollen Blick auf die roten Felskuppen hatte. Ich hatte die Schnauze voll von dem Stress und beschloss, mich hier am nächsten Tag nicht wegzubewegen, schönes Sedona hin oder her. Chris war zum Glück derselben Meinung, und so nutzten wir den nächsten Tag zum schreiben, entspannen und vorallem Planen der nächsten Tage. Und unglaublich – wir konnten sogar online einen Campingplatz im Grand Canyon Nationalpark ergattern! Dies war eines der wenigen Male, wo wir im Vorhinein einen Stellplatz reservierten, und ich muss sagen, es war nicht das schlechteste Gefühl zu wissen, wo man übernachten wird.

Am nächsten Tag brachen wir auf, und da es zum Grand Canyon nur wenige Stunden Fahrt waren, wollten wir Sedonas Umgebung noch eine letzte Chance geben, und visierten einen Parkplatz an, der ein guter Ausgangsort für Wanderungen sein sollte. Inzwischen war es Montag, doch selbst der Parkplatz war geschlossen, da er frühmorgens schon voll war. Wir quetschten unseren Camper irgendwohin an den Straßenrand und liefen tapfer den Rest, doch endlich am Wanderweg angekommen, fegte ein so starker Wind durch den Canyon, dass sich die riesigen Bäume um uns herum bedrohlich bogen, und die steilen Felswände mit den losen Felsen um uns herum steigerten das Gefühl von Sicherheit nicht gerade. Als dann noch direkt vor unseren Augen ein ganzer Baum krachend zu Boden ging, war mir die Schönheit des Canyons egal, und wir drehten um. Sedona, es hat einfach nicht sein sollen mit uns!

Für kostenlos nicht schlecht! – Unser Stellplatz in Sedona

Im Nachhinein war es gut, nicht zu spät aufgebrochen zu sein, denn auch so kamen wir erst gegen späten Nachmittag im Grand Canyon Nationalpark an. Schon Meilen vor den Eintrittstoren wurde vor langen Warteschlangen gewarnt, die sich hier wohl in der Hauptsaison bilden, doch zu unserem Erstaunen passierten wir ohne Wartezeit das Eingangshäuschen, natürlich nicht ohne eine happige Eintrittsgebühr zu bezahlen. Da es kurz vor Sonnenuntergang war, beschlossen wir, den Campingplatz warten zu lassen und fuhren direkt zum Besucherzentrum, um dessen Ecke ein geeigneter Aussichtspunkt für einen Sonnenuntergang sein sollte. Wir hatten ja keine Ahnung, was uns erwartete! Im Eilschritt liefen wir den Schildern nach, und auf einmal standen wir an einem Abgrund mit Blick auf die spektakulärste Landschaft, die wir je in unserem Leben gesehen hatten. Soweit das Auge reichte, blickte man auf tief zerklüftete Erde, freigelegte Gesteinsschichten und viele hundert Meter tiefe Schluchten mit extrem steilen Wänden. Dabei erstrahlte alles in den unterschiedlichsten Erdtönen, und die untergehende Sonne tauchte das Alles noch einmal in extra rotes Licht. Es war so surreal, als würde man vor einer riesigen Fototapete stehen, und zumindest mein Hirn wollte einfach nicht glauben, dass dies eine reale dreidimensionale Landschaft war. Als ich meinen Mund wieder zubekam und kurz in die Gesichter der anderen Besucher schaute, sah ich beruhigt deren ebenfalls völlig verklärten Gesichtsausdruck, und auch Chris bekam außer Ohs und Boahs nicht viel heraus. Nur die einfallene Eiseskälte zwang uns bald nach Sonnenuntergang zur Umkehr, und wir fuhren unseren nahe gelegenen Stellplatz an.

Abendstimmung im Grand Canyon

Am nächsten Tag konnten wir es nicht erwarten, das Gebiet näher zu erkunden und waren gespannt darauf, wie sich der Canyon bei Tageslicht darbot. Und natürlich sah er gigantisch aus! Wir ließen uns mit einem Shuttlebus zum Startpunkt des Bright Angel Trails fahren, des berühmtesten Wanderwegs in die Schlucht hinein. Diesmal war uns das Wetter hold, und so kraxelten wir den teilweise sehr steilen kleinen Pfad hinunter, der sich in wilden Biegungen bis ganz nach unten windet, fast 1400 Meter in die Tiefe! Die Aussichten waren von jedem einzelnen Punkt aus einfach grandios, und je mehr man herunterstieg und Teil dieser irren Umgebung wurde, desto mehr nahm sie einen gefangen. Es war einfach unglaublich für uns, dass dieses riesige, tief zerfurchte Gebiet einzig und allein vom Colorado River und dessen Nebenströmen gebildet wurde, der sich innerhalb von recht kurzer Zeit durch die Gesteinsschichten fraß (und immernoch frisst!). Nach ca. 600 überwundenen Höhenmetern machten wir kehrt, schließlich kam der anstrengende Teil erst auf dem Rückweg! Und es war auch gut so. Ich merkte die verhältnismäßig wenige Bewegung der letzten Wochen deutlich, und so kam ich völlig erledigt oben an, während Chris wie ein junges Reh vor mir hersprang. Ja, so ändern sich die Zeiten.

Ausblicke auf dem Weg nach unten

Den nächsten Tag nutzten wir für eine ausgiebige Wanderung entlang der Kante des Randplateaus und genossen noch einmal die Ausblicke auf den Canyon, die nach jeder Biegung noch einmal anders wirkten. Nach der – jedenfalls für mich – anstrengenden Kletterei am Vortag genossen wir es, keine Steigungen bewältigen zu müssen, und kehrten sogar rechtzeitig genug zu unserem Stellplatz zurück, um noch ein Lagerfeuer zu entfachen. Der Abend endete früh, denn für den nächsten Morgen hatten wir uns vorgenommen, zum Sonnenaufgang wieder am Canyon zu sein. Und wir schafften es auf die Minute genau: noch verschlafen, ungekämmt und in Schlafanzughosen empfingen wir die ersten Sonnenstrahlen des Tages, die sich über das Tal ergossen und alles in sanftes Licht tauchten. Es war ein besonderer Moment, und wir genossen ihn in vollen Zügen. Dies war ein gebührender Abschied vom Grand Canyon und so machten wir uns auf zu unserem nächsten Ziel, das nicht weniger spektakulär sein sollte. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag. Eine schöne Adventszeit wünschen wir euch allen!

Der Grand Canyon in seiner ganzen Pracht
Die ersten Sonnenstrahlen

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Doria
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Doria

Da kommt man sich sicher sehr klein vor….täte einigen Leuten in unserer Gesellschaft mal gut! 😉