Wunderschön, mit einigen Narben – Taiwan, Teil 1

Nach einer sehr kurzen und wenig gemütlichen Nacht im Flugzeug landeten wir frühmorgens in Taipeh.  Die Stadt empfing uns mit schwül-heißem Wetter und dem schon gewohnt wuseligen asiatischen Treiben. Was uns jedoch auffiel: die Taiwaner mögen es offensichtlich noch eine Nummer verspielter als die Thais. Auf dem Weg in unsere erste Unterkunft in der Stadtmitte konnten wir uns gar nicht retten vor bunten Plüschtieren, kitschigem Spielzeug und wild blinkenden Lichtern. Das Alles stand im krassen Kontrast zu den hässlichen, stark verwitterten Fassaden der grauen Häuser. Wir wussten schon vorher, dass Taipeh keinen Schönheitspreis gewinnen würde, und so war es auch. Da uns der Check-In in unser Zimmer erst ab 16 Uhr gewährt wurde, schleppten wir uns in der tropischen Hitze durch die Straßen, bis wir uns entschlossen, uns an den Keelung-Fluss fahren zu lassen. Genau an unserem Ankunftstag fand hier nämlich das berühmte Drachenbootfest statt! Einmal im Jahr treten  internationale Teams in bunten Booten mit Drachenkopf gegeneinander an, und werden natürlich schwer vom Ufer aus angefeuert. Wir mischten uns in die Menge und waren sofort mittendrin im taiwanischen Leben. Als wir schließlich am späten Nachmittag in unser Zimmer einchecken konnten, fielen wir sofort in einen erschöpften Schlaf, aus dem uns später  nur der Hunger wecken konnte. Zum Glück mussten wir nur vor die Tür gehen und befanden uns direkt im Ningxia Nightmarket, einem authentischen und nicht touristisch überlaufenen Nachtmarkt mit vielen kleinen Ständen, an denen die Speisen frisch vor der Nase zubereitet werden. Wir deckten uns ein mit Dumplings, gebratenen Pilzen, gefüllten Kartoffeln, Eis im Teigmantel und frischem Limonensaft, und beendeten damit unseren ersten Tag in Taipeh.

Am zweiten Tag verhielten wir uns vorbildlich touristisch und besuchten den berühmten Wolkenkrater Taipeh 101, immerhin das siebtgrößte Gebäude der Welt! Außerdem hängt in diesem Turm das größte „Tilgerpendel“ der Welt, eine gigantische Stahlkugel mit 660 Tonnen Gewicht, die Schwingungen des Gebäudes in der Erdbebenregion reduzieren soll. Wir sparten uns die überteuerte Fahrt nach oben und bewunderten die Konstruktion lediglich von unten. Danach stürzten wir uns wieder in das wilde Treiben eines Nachtmarkts, diesmal des Größten und Berühmtesten  von Taipeh, dem Shilin Nightmarket. Wir versuchten unser Glück beim Dartpfeilewerfen (Betonung liegt auf versuchen), schlenderten durch die Gassen mit den tausenden von Geschäften und Ständen, und probierten uns weiter durch die taiwanische Küche. Spätestens hier fiel uns auch auf, dass es fast keine westlichen Touristen außer uns gab. Dafür überfluten Chinesen das Land, und gefühlt Alle tummeln sich auf diesem Nachtmarkt! Da wir sowieso beide noch gesundheitlich angeschlagen waren, wurde uns der Trubel bald zu viel und wir ließen den Tag in unserer Unterkunft ausklingen. Für die restliche Zeit in Taiwan hatten wir uns einen Mietwagen organisiert, und pünktlich am nächsten Morgen stand der Wagen samt Mitarbeiter vor unserer Unterkunft. Er gab uns in rudimentärem Englisch eine kurze Einweisung und machte sich dann zu Fuß auf den Heimweg. Und wir waren auf einmal wieder glückliche Besitzer eines Autos! Und los ging es, das Land zu erkunden.

Die erste Station war ein Geheimtipp einer Restaurantbesitzerin, mit der wir in Thailand ins Gespräch kamen: Houtong Cat Village. Ein ganzes Dorf voller Katzen! Da musste ich natürlich hin. Und schon vom Parkplatz aus konnte man sie sehen: Nein, nicht die Katzen – die meist asiatischen Touristen, mit Handy und Selfiestick bewaffnet, posend und knipsend, den vielen Katzen hinterherlaufend. Als ausgeprägte Katzenfreunde wirkte es auf uns etwas befremdlich, wie die Tiere fast schon belästigt wurden, und es war mehr als verständlich, dass immer wieder Schilder mit „don´t touch me“ aufgestellt waren. Tatsächlich habe ich im gesamten Cat Village keine einzige Katze gestreichelt (Chris auch nicht, nachdem er von der ersten gleich eine gewischt bekam…). Aber es war toll, sie zu beobachten, und sich die kleinen Läden mit allerlei kitschigem Katzen-Krimskrams anzuschauen. Wusstet Ihr, dass Katze auf chinesisch „mao“ heißt? Und im Hintergrund lief Katzenmusik… Unseren Bummel schlossen wir stilecht mit einem Cat Cake in einem der hübschen Cafés ab. Alles in allem ein verrücktes und sehenswertes Ausflugsziel. Was man aus einer alten Minenstadt alles machen kann!

Wir fuhren anschließend weiter nach Jiufen, einem sehr hübsch gelegenen Örtchen in der bergigen Landschaft im Nordosten Taiwans. Die sehr engen, kurvigen und steilen Gassen machten die Parkplatzsuche zu einer echten Herausforderung, aber nach einiger Suche fanden wir glücklich einen passsenden öffentlichen Platz in der Nähe unserer Bleibe. Als wir abends die sogenannte „Old Street“ erkundigten, wurden wir fast erschlagen von chinesischen Touristen. Das unscheinbare Dorf wurde überschwemmt von Reisebussen, aus denen hunderte von Touristen strömten und die Altstadt überfluteten. Aber wir müssen sagen, zu Recht. Die schmalen Gassen sind hübsch geschmückt, mit vielen kleinen Läden, Essensständen und Teehäusern. Abends tauchen tausende von Lampions die Stadt in ein warmes Licht, und die Aussicht auf die Küste und die Berge ist wunderschön! Allerdings waren die Preise für uns etwas zu überzogen, und so setzten wir uns mit einigen Bierdosen auf die Altstadtmauer und genossen die Aussicht. Ein schöner Abend!

Am nächsten Morgen sollte es gleich weiter in Richtung Hualien an der Ostküste Taiwans gehen. Aber Jiufen ließ uns nicht ohne einen kleinen Streich gehen – unser Auto war weg! Die halbe Straße zu unserem Parkplatz war schon aufgerissen, überall trieben Bagger ihr Unwesen, und es herrschte ein Höllenlärm. Dort, wo unser Auto stand, wurde ebenfalls schon kräftig gebaggert. Mit offenem Mund standen wir da, und entdeckten das Auto dann ordentlich eingeparkt auf der anderen Seite des Platzes! Wir staunten nicht schlecht, schließlich hätte durch diese engen und steilen Gassen niemals ein Abschleppwagen kommen können. Wahrscheinlich haben die Bauarbeiter kurzentschlossen ihren Gabelstapler zweckentfremdet.. Nach einer kurzen Inspektion des Autos gaben wir Gas und entwischten gerade noch auf die Hauptstraße, bevor die Bagger uns noch den Boden unter den Füßen wegreißen konnten..

Nun waren wir jedenfalls wach und konnten auf dem Weg nach Hualien noch einige kurze Zwischenstopps an der schönen Küstenlandschaft machen. An allen Aussichtspunkten waren es meist die asiatischen Touristen, welche die eigentliche Attraktion waren. Sie überboten sich an originellen, teils lebensgefährlichen Posen, mit denen sie aus jeder erdenklichen Richtung fotografiert werden wollten. Wir saßen lange da und beobachteten amüsiert das Treiben, bei dem es eindeutig mehr um die Fotos als um die Sehenswürdigkeit selbst ging.

Je mehr wir in Richtung Süden fuhren, desto schöner wurde die Landschaft, und desto mehr weh tat es, dass sie immer wieder durch hässliche Kraftwerke, verfallende Hochhäuser und Riesenbaustellen verschandelt wurde. Zum Glück wurde dies schlagartig besser, als wir am Rande des Taroko-Nationalparks in Richtung Hualien fuhren. Unsere Unterkunft für die nächsten Tage hatten wir uns an einem See etwas abseits der Stadt ausgesucht, und wir waren positiv überrascht von der Schönheit und Großzügigkeit unseres Zimmers. So gut gefiel es uns, und so gut verstanden wir uns mit den Vermietern, dass wir nach zwei Tagen ein Upgrade zu einem ihrer schönsten Suiten bekamen, und dort noch einige Tage verlängerten. Die Ruhe, die wir uns dort gönnten, hatten wir auch bitter nötig. Noch immer waren unsere Erkältungen nicht besiegt, und wir nutzten die Zeit endlich einmal zur dringend nötigen Regeneration. Trotzdem wollten wir uns die Schönheit der angrenzenden Natur natürlich nicht entgehen lassen, und wir machten zwei Ausflüge in den Taroko-Nationalpark. Steile Felswände und tiefe Schluchten, gepaart mit reißenden Flüssen und ursprünglichen Wäldern zogen uns in ihren Bann. Mit dem Auto schlängelten wir uns die enge Straße entlang der Felswände, machten kleine Wanderungen oder genossen einfach nur die Aussicht. Ein ganz besonderes Fleckchen Erde, das einem den Atem raubt! Auch der See vor unserer Haustür lud zum Spazierengehen ein,  und so hatten wir ein ausgiebiges Naturprogramm, das uns nach dem Trubel der letzten Zeit ganz gut tat. Nach fünf Tagen verließen wir schweren Herzens diesen wunderschönen Ort, an welchem wir uns fast schon heimisch gefühlt hatten.  Aber wir waren auch neugierig auf den Süden der Insel, der sich landschaftlich noch einmal deutlich vom Rest unterscheiden sollte. Hier sind wir nun, aber wie es ist, erfahrt Ihr erst im nächsten Beitrag 🙂

Bis dahin, macht es wie wir .. lasst es Euch gut gehen!

Drachenbootrennen in Taipeh
Häuser-Fassaden am Ningxia Nightmarket
Sie hat sich einen guten Platz ausgesucht – Houtong Cat Village
Cat Cake!
Nicht gerade einladend
Wildes Gepose im asiatischen Stil
Juifen bei Nacht
Verhaltenes Posen im deutschen Stil (Taroko-Nationalpark)
Taroko-Nationalpark

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Schöner Poser Kontrast 😂